Will ich das über mich lesen?

Dezember 6, 2018

Seine Poesie-Einlassungen sind rhetorisch gut: Er spricht mit der Sicherheit von jemandem, der viel nachgedacht hat; mit dem Pathos von jemandem, der tiefe Wahrheiten aufdeckt; mit der Empörung von jemandem, der eine Mission hat. Ich denke. Ja.

Advertisements

Voller abgeschliffener Aufbrüche

November 29, 2018

„Hinter Göttingen muss ich eingeschlafen sein.“ Und wie von ungefähr stellt die Geschichte sich ein, mitten in einem wie absichtslosen Räsonieren über Schrebergärten oder Lichtenberg, Nietzsche. Egal, und die Existenz Gottes. Und die Deutschen mit ihren „sauberen unschuldigen Exportweltmeistergesichtern“. Nach und nach entsteht das Porträt eines privilegierten Mannes, der vieles besitzt, vieles gelesen hat, vieles weiß und doch nicht begreifen kann, wozu. Die Komplementärfigur an dieser Stelle könnte das Mädchens sein. Sie besitzt nichts und kann ihm doch genau das geben, was seinem Leben fehlt. Aha. Und dann?


Was wir tun, wenn es an der Haustür klingelt…

Oktober 23, 2018

1. Entweder mache ich mir Sorgen oder was zu essen.
2. Nicht das Erzählte reicht, sondern das Erreichte zählt.
3. Kennst du das? Du willst zu zweit unter einer Decke schlafen. Das Bett ist 1.40 m, die Decke 1,60 m. Und du bist allein.
4. Ich habe die ganze Nacht geträumt, dass ich nicht einschlafen kann.
5. Hat die große Liebe Platz für den Plural?
6. Ich bin mal vom Dreier gesprungen, die beiden Frauen waren „not amused“
7. Wenn du glaubst, das Leben sei ein Kampf, schickt es dir Gegner.
8. Der echte Künstler führt ein Gespräch mit dem Werk, der Hochstapler mit dem Publikum.
9. Das Leben selbst hat keine Replay-Taste.
10. Ein Wunder zeichnet sich dadurch aus, dass es sich über naheliegende Einwände erhebt.
11. Mehr Sog. Weniger Druck.
12. Ich muss los, die Schaukel wird frei.
13. Rotwein erreicht Stellen, da kommt Motivation gar nicht hin.
14. Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul.
15. Man denkt, seine Frau wäre gekidnappt, dabei war die nur in Fürth.

Zu oben: Die Hose hochziehen und öffnen.


Sinuswelle

April 5, 2018

Ist die Nostalgie eine emotionale Kraft? Ich höre im Radio ein Gespräch mit Karl Bartos, Ex-Schlagzeuger von Kraftwerk. Das Interview ist quasi eine Analogie des Lebens. Großartig natürlich, wie er davon erzählt, wie die Band Mitte der 70er Jahre einfach etwas komponiert habe, um dann abends mit dem Auto durch Düsseldorf-Oberbilk zu fahren, über Kassette die selbst-komponierten Stücke hörend, um sie später wieder zu modifizieren. Alles eine Art von Leben, das heute kaum noch vorkommt. Hat der Computer die Musik eher zerstört oder gefördert? Bringt uns die Technologie ans Ende der Möglichkeiten? Menschheitsgeschichte. Hat uns die Technik (Stichwort Plastik, hervorragender Werkstoff, müllt aber die Welt voll) letztendlich eine wirklich neue Form der Kreativität ermöglicht? Fraglich. Und sieht es in der Kommunikation womöglich genauso aus? Grüße an das Model, 3:39 Minuten.


Fraglich

März 7, 2018

Die Botschaft „Gott ist tot“ hat die Welt bisher ganz gut überlebt. Ob sie die Botschaft „das Geld ist tot“ als Zivilisation überleben würde, stelle ich in Frage. Von den beiden Grundideen gesellschaftlichen Lebens scheint Geld schlechter zu entbehren. Die Kirchen sind leer, die Bankautomaten werden mehr.


Die Summe aller Möglichkeiten

September 23, 2017

Hatte er diesen Text nur geschrieben, um sie in die Stadt zu locken? Auf einmal stand Julie da. Etwas verschüchtert, aber erkennbar wollend. Er wickelte seinen Termin routiniert ab und fragte, wann der Flug geht. Seine Reisetasche stand noch in der Dachkammer. Bertrand sagte ihm zu, ein Chauffeur würde sie in den Wagen bringen und gab ihm eine Karte. Die Handynummer des Chauffeurs. Er solle ihn anrufen, wenn er die Fahrt zum Flughafen brauchte. Dann verließen Julie und Jessie den Laden, schlenderten etwas unsicher die Straße hinunter. Jahre lagen zwischen ihrer ersten Begegnung. Es war nur ein Tag, eher ein Abend, eine Nacht. Draußen im Park. Zweimal Sex auf der Parkbank. Bei 15 Grad. Keine Herausforderung, aber speziell. Sie hatten sich im Zug kennen gelernt. Sofort Wellenlänge, das sind diese seltenen Momente, in denen ein Mensch merkt, dass es Magie gibt. Eine Form von Magie. Und dass Beziehung führen keine Arbeit sein sollte, dass es nicht um Verantwortung geht. Zumindest nicht, wenn Romantik machbar ist, sich zeigt. Damals hatte er ebenfalls einen Flug bekommen müssen. Ohne die Telefonnummern zu tauschen, waren sie auseinander gegangen. Die Hoffnung, sich wieder zu sehen, war schnell erloschen. Außer dem Vornamen wussten beide nichts von einander. Jetzt, Jahre später, stand diese Frage wieder im Raum. Was ist Liebe? Wird sie aufgerieben von der Wucht des Alltäglichen? Wie wehrhaft sollte der Mensch angesichts dieser Aussichten bleiben? Sitzen wir in der Komplexitätsfalle?


Was hetzt dich?

August 27, 2017

Viele Menschen suchen nach Antworten. Stellen aber die falschen Fragen. Oder zumindest Fragen, die gerade nicht weiterhelfen. Später vielleicht. Lektion 1: Finde die richtigen Fragen. Wie finde ich die richtigen Fragen? Das ist bereits die erste gute Frage. Es gibt keine allgegenwärtige und stets abgewogene richtige Antwort auf diese Frage. Ein ambitioniertes Verhältnis zu dieser Frage ist die Sub-Frage „Was hetzt dich?“ Nicht im Zeitkontext gemeint. Stärker verbunden mit der Idee von Angst. Eine Wahrnehmung von einem vermeintlich absoluten Standpunkt aus betrachtet hilft ohnehin kaum. Nur in den seltensten Fällen. Es gibt wenig Zusammenhänge, die absolut sind. Es steckt in der Regel die individuelle Idee von Gewissheit dahinter. Lektion 2: Gewissheit ist eine Illusion. Ähnlich wie die kleine Schwester „Sicherheit“.

Zurück zu der ganz pragmatischen Frage: Was tun?
In jedem Fall schon mal beim s.g. Erleuchtungsspiel Zweifel anmelden. New Age hat weiterhin Bock auf diese Walla-Walla-Mystik, weil es die materielle Form der Suche nährt. Materielle Spiritualität demnach. Seien Sie vorsichtig, wenn Ihnen jemand die Befreiung mit Devotionalien im Schlepptau verkaufen will. Oft nur schmückendes Beiwerk, Firlefanz und Projektion. Erleuchtung oder Erwachen oder Befreiung findet nicht „statt“. Und es gibt auch nicht ab einem bestimmten Punkt die totale Glückseligkeit gratis. Die spirituelle Tradition ist vollgestopft mit Erleuchtungsvorstellungen und Heiligenbildern. Grrrrgghh.

Und. Wie endet jetzt dieser Text? Mit Lektion 3: Machen Sie eine innere Bestandsaufnahme, in der Sie sich ernsthaft fragen: „Was will ich wirklich?“

Die Antwort ist schon komplex genug. Denn die Frage ist hochwertig.