Was man durch das Werkstattfenster sehen kann

Oktober 21, 2019

Als Michael sagte, er habe in der Nacht von einer Krähe geträumt, waren wir sicher, dass einer sterben müsse. Michael hatte von allen Nachbarjungen die dicksten Unterarme. Ronald war lang, Gerhard stotterte und Bernhard kam ursprünglich aus Bayern. Die anderen waren deutlich älter und hatten sich von unserer Truppe längst emanzipiert. Michaels Krähe war naturgemäß schwarz. Krähen hatten an der westfälisch-niedersächischen Grenze das Böse gepachtet. Und anderswo wohl gleichermaßen. Krähen wurden im Fernsehen tendenziell im WDR gezeigt. Bisweilen im NDR. Wir hatten nur drei Kanäle. Mein Großvater konnte sich rühmen, im Dorf der erste Mann mit einem Fernseher gewesen zu sein. Eine Auszeichnung gab es dafür nicht, aber viele Nachbarn, die vorbei kamen. Meine Großmutter fand das nicht nur gut. Ich kann mich nicht erinnern, ob sie lange blieben, die Frauen und Männer ohne Fernseher. Es gab sehr wohl Dinge, die mehr als nur einer, als nur mein Großvater anbieten konnte. Kataloge von Versandhäusern. Hier musste kein Mangel beklagt werden. Mein Großvater hatte zwei Vornamen: Walter und einen anderen, den ich mir nicht merken konnte. Vielleicht ein Friedrich oder Gustav. Es war nicht besonders wichtig, niemand rief beide Vornamen. Die meisten riefen auch nicht, sie kamen näher. Näher an die Karosserie heran. Und zeigten auf das Desaster eines Zusammenstoßes. Mit einer Laterne oder einem Wildschwein. Und sie fragten meinen Großvater: „Walter, kriegst du das wieder hin?“ Ein Nein wollten sie nicht hören. Die 70er Jahre waren unterversorgt mit der Neugier auf neue Autos. Man liebte die alten, die meisten in einfachen Farben. Silber oder Anthrazit waren sie selten. Rot oft. Oder Blau. Und einige Nachbarn kauften immer wieder rote Autos. Rolf Heising beispielsweise ließ alle drei Jahre einen roten R4 auf einen R4 folgen. Es war damals noch nicht möglich, das Kennzeichen zu behalten: und so erkannte die Nachbarschaft stets aufs Neue, wenn Heising einen neuen Renault gekauft hatte. Mein Onkel Bob merkte in diesem Momenten an, dass in der Sackgasse, in der ich aufwuchs, die Menschen zu wenig Welt in ihr Leben ließen. Um nicht einer von diesen Menschen mit dem Mangel an Welt zu werden, schickte er bereits vor dem Mittagessen einen Praktikanten in den 700 Meter entfernt beheimateten Edeka, um Jägermeister zu kaufen. Meistens gehörte eine Schachtel Reval ohne in dieses Gespann. Ich hielt diese Vereinbarung meines Onkels mit seinem Leben für normal, wenngleich die Folgen augenfällig stets in die gleiche Richtung liefen. Spätestens am frühen Nachmittag stellte sich die Reparatur eines Vergasers, beispielsweise bei einem B-Kadett, als große Herausforderung da. Dafür war die Menge an Jägermeister und Reval bereits rückläufig. Die Krähen hingegen flogen über das Feld. Nebenan und tief. Und sie suchten nach den Resten der Maisernte. Ohne Nachdruck allerdings. Die Krähen schienen ambitionslos ihr Tagewerk verrichten zu wollen. Eine Gemeinsamkeit mit meinem Onkel, die mir erst später klar wurde. Da hatten Tod und Teufel bereits die Werkstatt ins Visier genommen.