Was hetzt dich?

August 27, 2017

Viele Menschen suchen nach Antworten. Stellen aber die falschen Fragen. Oder zumindest Fragen, die gerade nicht weiterhelfen. Später vielleicht. Lektion 1: Finde die richtigen Fragen. Wie finde ich die richtigen Fragen? Das ist bereits die erste gute Frage. Es gibt keine allgegenwärtige und stets abgewogene richtige Antwort auf diese Frage. Ein ambitioniertes Verhältnis zu dieser Frage ist die Sub-Frage „Was hetzt dich?“ Nicht im Zeitkontext gemeint. Stärker verbunden mit der Idee von Angst. Eine Wahrnehmung von einem vermeintlich absoluten Standpunkt aus betrachtet hilft ohnehin kaum. Nur in den seltensten Fällen. Es gibt wenig Zusammenhänge, die absolut sind. Es steckt in der Regel die individuelle Idee von Gewissheit dahinter. Lektion 2: Gewissheit ist eine Illusion. Ähnlich wie die kleine Schwester „Sicherheit“.

Zurück zu der ganz pragmatischen Frage: Was tun?
In jedem Fall schon mal beim s.g. Erleuchtungsspiel Zweifel anmelden. New Age hat weiterhin Bock auf diese Walla-Walla-Mystik, weil es die materielle Form der Suche nährt. Materielle Spiritualität demnach. Seien Sie vorsichtig, wenn Ihnen jemand die Befreiung mit Devotionalien im Schlepptau verkaufen will. Oft nur schmückendes Beiwerk, Firlefanz und Projektion. Erleuchtung oder Erwachen oder Befreiung findet nicht „statt“. Und es gibt auch nicht ab einem bestimmten Punkt die totale Glückseligkeit gratis. Die spirituelle Tradition ist vollgestopft mit Erleuchtungsvorstellungen und Heiligenbildern. Grrrrgghh.

Und. Wie endet jetzt dieser Text? Mit Lektion 3: Machen Sie eine innere Bestandsaufnahme, in der Sie sich ernsthaft fragen: „Was will ich wirklich?“

Die Antwort ist schon komplex genug. Denn die Frage ist hochwertig.

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Liebeskummer oder Liebesspiel?

August 13, 2017

Sie können mit dem Rad eine Runde drehen. Und trotzdem das hier lesen. Es geht nicht um das Entweder-Oder-Spiel. Es geht um das Sowohl-als-auch-Spiel. Jeder Mensch hat eine Ich-Struktur entwickelt, die ihn in herausfordernden Situationen schützen soll vor den Gefühlen von Ohnmacht, Angst und Ablehnung. Genau diese Abwehrstruktur führt aber nicht ins erhoffte Glück, sondern ins Problem zurück. Sich bewusst zu machen, welche Denkmuster und Ausweichstrategien sich bereits in der Kindheit entwickelten, ermöglicht es, den fixierten inneren Zustand wieder ins Fließen zu bringen und das wahre Potenzial des natürlichen Wesens zu entdecken. Einfach mal probieren.


Fluchtgefahr

August 10, 2017

Gefühle sind subjektive Empfindungen. Sie können unangenehm oder angenehm sein. In ihrer Stärke und Dauer variieren sie. Nehmen wir an, Sie lernen eine Frau kennen. Sie ist attraktiv, blond und effizient. Und handelsüblich zerrissen. Sie ist ein Pulverfass, indes, Sie sind der Typ, der auf routinierte Frauen ohne große Ausschläge nach oben und unten ohnehin eher verzichtet, weil sich turnusmäßig Langeweile einstellt. Die Frau wittert Gefühle. Allerdings gibt es im Umfeld Herausforderungen. Die Frau ist sich nicht sicher, ob sie alle Gefühle unter einen Hut bekommt, sich selbst und anderen gerecht werden kann und weiß, dass sie den Status quo ohnehin regelmäßig bis zur Unkenntlichkeit in Frage stellt. Umgangssprachlich heißt das: die Gemengelage ist akut vernebelt. Und außerdem funktioniert ihr MacBook nicht. Die Frau beschließt, die Reissleine zu ziehen. Sie vertraut auf eine Idee, die landauf landab gern genommen wird. Erstmal alles auf der Sachebene regeln. Die Gefühle werden höflich verpackt und eingelagert. Aber Vorsicht: Fluchtgefahr. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und versetzen Sie sich beispielhaft in folgende Situationen.

A. Der Tatendurst nach einem neuen Haarschnitt.
B. Die Ernüchterung, doch nicht zum engsten Freundeskreis zu gehören.
C. Das Glück der ersten Berührung.
D. Das Unbehagen, sich vor einer Sprechstundengehilfin auszuziehen.

Fügen Sie selbst E, F, G, H….. hinzu. Tausende Gefühle gibt es, die einfach da sind. Es ist eine Herkulesaufgabe, sie einzulagern. Was tun?

Die unangenehmen auf links ziehen. Die angenehmen verstärken. Nehmen wir an, Sie lernen eine Frau kennen, die eine latente Seelenverwandschaft entdeckt, aber die Komplexität der möglichen Folgen fühlt. Was tun? Nehmen wir an, das Leben findet statt. Jetzt. Und es gibt keine Vergangenheit. Und keine Zukunft.


A four letter word?

August 4, 2017

Da rauschte sie heran. Auf einer roten Ducati 1200 Pikes Peak. Älteres Modell. Das Motorrad, die Frau war taufrisch. Helm ab, sie kam ihm entgegen. Die Haare schienen eine Restfeuchte vom Duschen in sich zu tragen. Der Verkehr auf der Kreuzung nahm keine Notiz. Aaron hatte etwas warten müssen. Er war schon unterwegs, als ihn die SMS erreichte: „Ich komme etwas später. Viertel vor sollte klappen. Bis dann.“ Ashley Steward, 52 Jahre alt, blond ohne eine typische Blondine zu sein, angemessen schmal geschnitten, eine Frau, die Vergangenheit in sich trug. Mal sichtbar, mal unnahbar. Aaron wusste nicht so recht, was diese zwei Stunden im Lasalle bringen würden. Er fühlte sich gut. Er hatte das gelbe T-Shirt gewählt, weil es morgens war und weil Schwarz bekanntlich keine Farbe ist. Wenngleich Schwarz seinen Typ, die grauen Haare und die gelebten Träume, die bisweilen einfach nur Irrwege waren, unterstrichen hätten. Jetzt saßen sie da. Ashley zog es in den Schatten, Aaron saß gern in der Sonne. Er rückte etwas näher, wollte bei diesem Frühstück nicht quer über den Tisch schreien. Sie fummelte an sich herum, zupfte hier und da. Dann kam der Kellner. „Drei Rühreier, einen Latte Macchiato, einen Liter Wasser.“ Die Speisekarte war nicht vonnöten, Ashley kannte sich aus, Ashley wusste, wie das Frühstück aussehen soll und hoffte, dass es auch so schmecken würde. Aaron zeigte sich leicht beeindruckt von dieser Routine, bestellte einfach das gleiche plus Tomaten und lehnte sich zurück. Die Sonnenbrille ließ er auf den Tisch gleiten. Wie sinnlos, eine Frau erstmals wirklich wahrzunehmen und seine eigenen Augen versteckt zu halten. Sie erzählte vom Boot, vom Rausfahren, bei Aaron bauten sich Bilder auf. Er sah sich und diese Frau auf einem Steg sitzen. Die Sonne wärmte beide gnädig. Das Schilf wiegte leise hin und her. Ruhig lag der See vor ihnen, sie ließen sich auf die warmen Lärchenbretter des Stegs gleiten. Schlagartig katapultierte es ihn zurück in der Gegenwart. Das Rührei kam. Ashley: „Die Ducati ist vorhin nicht sofort angesprungen. Ich hätte es wissen können.“ Später, während das Frühstück vom Teller in den Magen wanderte, waren sich beide schnell einig, dass es Menschen müde mache, sich für eine Liebesbeziehung immer aufs Posen zu verlegen. Und sonst? Ashley hatte einige Umzugskartons noch immer nicht ausgepackt. Aaron merkte, wie jeder Satz dieser Frau sich in sein Bewusstsein schraubte. Stets auf der Suche nach Bildern im Kopf, nach Assoziationen. Es war wie eine Erlebnistankstelle ohne selbst getankt zu haben. Es war diese nahezu perfekte Präsenz. Oberflächlich abgebrüht, innerlich handelsüblich zerrissen. Er merkte gleichzeitig, wie dieses ewige Gedankenauftürmen die Gegenwart verleugnete. Er spürte wie gern er neben ihr saß. Sie hätte das Telefonbuch von Southampton vorlesen können, er hätte es genossen. Er fühlte sich gut. Sie war zwischenzeitlich gedanklich woanders. Schaute ins Off. Er dachte, okay, sie arbeitet beim Fernsehen, vielleicht schaut man irgendwann ins Off, sowie ein Gärtner ins Beet schaut. Ein Blick zur Uhr sagte ihm, dass es unweigerlich ein Ende dieses Frühstücks geben würde. Sie wollte gegen 11.30 Uhr gehen. Fahren natürlich. Zum Sender. Er hätte hier ewig sitzen können. Er wusste nicht wie dieses Gefühl entstand. Es war wie eine Ebene, die sich entfaltete. Ohne Zutun, wie selbstverständlich. Zwar hier und da noch voller Fragen und emotionaler Tumulte, aber ein pures Vergnügen. Er kannte sie jetzt etwas länger als eine Woche. Der Knall kam auf Umwegen. Sie hatte in einem Streifenshirt quer moderiert und auf einmal sah er eine andere Frau vor der Kamera. Es musste ein kostbarer Moment gewesen sein, als er merkte, dass da etwas passiert war. Er wollte sie. Nicht im Vorbeigehen, nicht als Geplänkel oder zur Ablenkung, nicht zwischen die Schenkel und die Karawane zieht weiter. Er wollte ihren Rhythmus erleben, wollte spüren, was diese Frau in ihm freisetzte. Die Zeit schlug Rad. Schon war alles wieder Vergangenheit, sie musste gehen. Eine Umarmung. Er hätte es gern gehabt, dass ihre sperrige Motorradjacke noch über dem Stuhl hing. Mehr Nähe. Er blieb sitzen, sie ging zahlen, stieg auf ihre Ducati und war binnen weniger Minuten im Verkehr verschwunden. Aaron legte die Hand ans Kinn, trank den Milchkaffee langsam aus und wusste, das war sie. Ohne sie je geküsst zu haben, je die Finger über die Brustwarzen wandern gelassen zu haben, ohne alles quasi. Sie, eine Frau, besser als Gras, Acid, Extasy. Besser als Fellatio, 69, Masturbation, Tantra, Thai-Massage. Besser als Nutella und Bananenmilchshake, besser als alle Trilogien von George Lucas, die Muppets Show, das Ende von 2001. Besser als der Hüftschwung von Emma Peel, Marilyn, Schlumpfinchen, Lara Croft, Naomi Campbell und der Leberfleck von Cindy Crawford. Besser als die B-Seite von Abbey Road, die Solos von Jimi Hendrix, Neil Armstrongs Schritte auf dem Mond, der Space Mountain, das Lied vom Weihnachtsmann, das Vermögen von Bill Gates, die Trance des Dalai Lama, Nahtoderfahrungen, die Auferweckung des Lazarus, all die Testosteron-Spritzen von Schwarzenegger, das Kollagen in den Lippen von Pamela Anderson. Besser als Woodstock und die orgiastischste Raver-Party. Besser als der Trip von de Sade, Rimbaud und Castaneda. Besser als die Freiheit. Besser als das Leben.